zurück S.132: alles Phantasie, Thymian, das kann gar nicht wahr... nächste Leseprobe
 
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Thymian ist mit der Kindermann nach Hamburg gezogen, "nimmt jetzt Geld". Sie hat auch einen großzügigen Kavalier: Ludwig. Der ahnt noch nichts von ihrem Gewerbe.
Dann erscheint die Polizei und schließt Kindermanns Salon.
Ludwig ist entsetzt...
Er kam sofort und war sehr alteriert über die Sensationsaffaire, die die Abend- und Morgenzeitungen gebracht hatten und konnte sich gar nicht darüber beruhigen, dass ich "ahnungslos" in diesem Höllenpfuhl gewohnt hatte. Dann umschlang er mich mit beiden Armen und zog mich auf seinen Schoß und sagte mir, dass er es nicht länger mit ansehen könne, wie ich heimatlos und verlassen umherirrte. Er würde sich von seiner Frau scheiden lassen und mich heiraten.
 
  12-2 weiter
Vor meinen Augen baute sich verlockend Schönes auf [...] Woher ich den Mut zu meiner Beichte nahm, begreife ich heute noch nicht, es ging erst langsam und stockend und wurde dann immer fließender, und es kam ganz entsetzlich trocken und brutal heraus - - meine ganze Lebensgeschichte ohne schmeichelnde Übermalung. Ich sagte ihm alles. [...]
 
  12-3 weiter
Ludwig wird "weiß wie die gestärkte Tischserviette"... "Das ist ja alles nicht wahr," sagte er, "ist alles Phantasie, Thymian, das kann gar nicht wahr sein." "Doch ist es wahr," sagte ich. Ich habe schon vielen Männern angehört, allen, die mich wollten und die genügend Kleingeld hatten, um sich den Luxus, mich zu lieben, gestatten können..." Da sprang er auf, packte mich am Arm und schleuderte mich mit einer Kraft, die ich ihm gar nicht zugetraut hatte, von sich [...]
 
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Ich saß still auf dem Sofa und ließ ihn toben, denn je toller er sich gebärdete, desto ruhiger und leichter ward mir. Ich weiß ja, dass ich mich nach den allgemein anerkannten Gesetzen der Sitte und der gesellschaftlichen Ordnung vergangen habe und in den Augen der meisten Menschen eine Verworfene, eine Paria bin. Aber ich weiß auch, dass über all meinen Erlebnissen und meinen Verfehlungen eine große Traurigkeit liegt, und wenn Ludwig mich wirklich geliebt hätte, mit der großen, heiligen, reinen Liebe, deren ich ihn für fähig hielt, wenn er mich so geliebt hätte, würde er mir um der Traurigkeit willen verziehen und meine Schuld vergessen haben. Thymian ist mit sich im Reinen.
"Hinter meiner Schuld steht die Majestät des Unglücks... Er aber sah nur die Sünde -!"
 
 
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