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In Berlin versucht Thymian, sich mit Sprachunterricht über Wasser zu halten. Vergeblich. Die letzte Verbindung mit ihrer Vergangenheit ist ihr Jugendfreund Osdorff. Der ist in Amerika, und es geht ihm schlecht. Wenn ich einmal wieder etwas Geld zusammengebracht habe, schicke ich Osdorff Reisegeld. [...] Andere halten sich einen Hund oder Vogel, warum soll ich mir nicht solchen armen Kerl für den Hausgebrauch nehmen. Immerhin wird mir Casimirchen bequemer sein, als so 'n gewöhnlicher Louis, der sich unsereinen gegenüber als Herr aufspielen möchte. Ich bin losgegangen. Mir blieb nichts übrig.
 
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[...] Mir geht es leidlich. Ein Teil meiner Sachen habe ich aus dem Pfandhaus ablösen können. Meine alte Anziehungskraft bewährt sich wieder. Ich habe so viel Kundschaft, dass ich oft noch davon abgebe. Abends beim Keck oder im National schwirren sie um mich herum, wie die Fliegen um den Honigtopf.
 
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Ich habe damals, nachdem ich endgültig eingesehen hatte, dass ich doch nicht wieder hochkomme, den Ballast der letzten Bedenken über Bord geworfen. Ich bilde mir oft ein, dass ich gestorben bin. Die Menschen, unter denen ich jetzt lebe, sind alle Leichen. Sie haben ihre Seelen ausgehaucht und beweisen durch ihre Existenz, dass man auch ohne ein solches Instrument da sein - ich schreibe absichtlich nicht  l e b e n  kann.
 
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Meine Sprachkenntnisse kommen mir doch sehr zustatten, ich bekomme dadurch oft sehr reiche Ausländer, die gut zahlen und das ist für mich die Hauptsache. Gestern Abend hatte ich einen Russen, der kein Wort Deutsch sprach, und der mir dreihundert Mark gab [...]
 
Ich habe wirklich noch vieles lernen müssen. Zuerst war's mir grässlich, obgleich ich schon bei Anna Kindermann eine ganz gute Vorschule durchgemacht hatte. In dieser Welt der Leichen stinkt es nach Verwesung, daran muss man sich gewöhnen."
In den Hamburger Tagen hat sich Thymian auch etwas Bildung zugelegt. Das schätzen manche Freier...
 
 
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